Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 4

Eine kleine Anmerkung zum letzten Teil: Viele Leser waren etwas schockiert über den Anblick des zerlegten Eisbären. Es gab viele Kommentare dazu, sowohl hier auf dem Blog als auch in den Sozialen Netzwerken. Ich kann verstehen das Vegetarier und Veganer solche Bilder nicht mögen. Ich esse selber seit einigen Jahren kein Fleisch mehr und finde die Bilder auch nicht wirklich appetitlich.

Damals gab es auf Grönland nicht wirklich viel Gemüse in den Läden und das was es gab war dann meistens auch nicht wirklich frisch. Alle Waren werden mit Schiffen angeliefert. Das braucht halt mehr Zeit und ist teuer. Jagen und Fischen ist auf Grönland etwas völlig Normales und Notwendiges. Es gehört zum Leben der Inuit. Man kann das aber nicht mit einer Elchjagd in Norwegen vergleichen, wo man, nicht wirklich weit vom Auto entfernt, recht gemütlich und aus Spaß an der Sache die Tiere erlegt. Auf Grönland ist das harte Arbeit. Es müssen meist viele Kilometer durch die Berge geklettert werden, und wenn man ein Tier erlegt muss es natürlich nach Hause geschleppt werden. Ein Moschusochse kann bis zu 400 kg wiegen. Die Tiere werden vor Ort zerlegt und auf die Gruppe Jäger verteilt. Es wird nichts zurück gelassen, denn alles von dem Tier wird verwertet. Moschusochse ist bei den Grönländern sehr beliebt. Es wird oft zum trocknen vor dem Haus aufgehängt und dann trocken gegessen. Das schmeckt gar nicht schlecht. Man kann es auch grillen, was auch sehr gut war.

Die Leute

Während meines Aufenthaltes auf der Insel hatte ich es mit den unterschiedlichsten Typen zu tun. Die meisten waren Dänen. Aber es gab auch noch 2, später sogar 3 Deutsche. Ein Amerikaner, der dieselben Sprachprobleme hatte wie ich, und ein paar Grönländer mit denen ich mich recht gut verstand.

Aber was bringt Menschen dazu für ein Jahr in dieser Kälte zu verbringen?  Die Antwort ist so unterschiedlich wie die Menschen die sich auf so ein Abenteuer einlassen. Viele Dänen kommen um Geld zu verdienen, denn sie brauchen in ihrem ersten Jahr auf Grönland keine Steuern zu zahlen. Die meisten waren aber einfach nur neugierig und wollten einfach etwas erleben. Der etwa 50-Jährige Altenpfleger, der gerade seine Ausbildung zum Zimmerer abgeschlossen hatte und von einer Weltreise mit seiner Frau auf einem Segelboot träumte. Der ehemalige Soldat und Möbeltischler der sich selber beweisen wollte das ihm die Kälte nichts ausmacht. Der dänische Extremsportler der sogar im Winter mit dem Fahrrad unterwegs war und sich auf das Arctic Circle Race vorbereitete. Der deutsche Zimmerer-Meister, der schon seit Jahren in Skandinavien unterwegs ist und auch heute noch an verschiedenen Projekten in Norwegen arbeitet.

Und dann gab es jene die an ihren alten Leben weniger erfolgreich waren und sich dort eine neues Leben auf bauen wollten. Das waren Leute mit Alkohol- oder ähnlichen Problemen. Ob sie damit Erfolg hatten kann ich nicht sagen.

Die Grönländer waren eher die ruhigeren Kollegen. Sie hielten sich meist im Hintergrund auf. Sie waren Fischer, die sich im Winter etwas dazu verdienen wollten. Einer war Taxifahrer in Thule.

Die Inuit

Wie ich schrieb sind die Grönländer ein sehr friedliches Volk. Ich hatte wirklich sehr nette Menschen unter ihnen kennengelernt. Allerdings haben sie auch sehr große Probleme, die man an sehr vielen Stellen wahrnimmt. In der Geschichte Grönlands wurden die Inuit sehr häufig zwangs umgesiedelt. In den 60er Jahren wurden alle Grönländer aus dem umliegenden Dörfern nach Sisimiut umgesiedelt. Etwas Ähnliches geschah in Thule oder anderen Orten. Das die Akzeptanz für so ein aufgezwungenes Leben nicht besonders hoch sein kann, sollte eigentlich klar sein.

Das wird wohl auch ein Grund für den starken Alkoholismus der Grönländer sein. Nicht selten sieht man jemanden völlig betrunken im Schnee liegen. Nicht wenige versaufen ihren ganzen Lohn sobald sie ihn erhalten. Dann kommt man halt mal ein paar Tage nicht auf Arbeit. Ein Großteil der Gewalt- und Tötungsdelikte werden unter Alkoholeinfluss begangen. Die Frauenhäuser waren überfüllt. Auch wir wurden eines Tages Zeugen von Häuslicher Gewalt im Nachbarhaus.

Aber auch an anderen Stellen merkte man deutlich das die Grönländer eher deplatziert waren. So wartete ich vergebens auf einen Internetanschluss, ein lang erwartetes Paket, das von der Post nicht zugestellt wurde, die Kassierer  in den Geschäften die mit ihren Kassen sehr häufig nicht zurecht kamen und dann noch die Sache mit der Bank, von der ich später noch etwas mehr erzählen werde. Ein Kranfahrer, der bei den kleinsten Problemen einfach nach Haus fuhr oder der Baggerfahrer der gar nicht erst auf der Arbeit erschien, weil er sich nicht sicher war, was er eigentlich genau machen sollte. Das sind zwar alles nur kleinere Problemchen, doch in der Summe hatte es mich doch ganz schön erschreckt.

Es waren gute Jäger und Fischer. Sie kannten sich hervorragend in den Bergen aus. Sie waren Künstler, die Tupilait konnte man in vielen Geschäften der Stadt bestaunen und kaufen. Einige versuchten sich auch als Musiker. Wobei ich den Musikgeschmack schon etwas seltsam fand. Aber es waren keine Banker, Versicherungsvertreter oder Bauleiter. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern! Wie in jeder Gesellschaft gibt es auch auf Grönland sehr unterschiedliche Menschen. Doch die sozialen Probleme sind leider nicht von der Hand zu weisen.

Freizeitgestaltung 

Natürlich gab es nicht nur Arbeit. Die Sonntage waren frei und auch die Abende konnte man noch nutzen. An einigen Abenden trafen wir uns in der Werkstatt und bastelten an Messergriffen oder ähnlichen. Von einem Möbeltischler kann man wirklich viele Tricks lernen. An anderen Tagen waren wir mit dem Schnee-Scooter unterwegs. Mit circa 120 km/h über Schnee und Eis zu fahren machte jedenfalls richtig Spaß. Meistens jedoch war ich mit der Kamera unterwegs.

Sehr viele Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung gab es nicht. Nur dänisches Fernsehen, Nur ein Internetzugang in der Werkstatt, der ständig besetzt war, und auch sonst war nicht wirklich viel los. Wobei ich mich nicht erinnern kann, das mir jemals langweilig war.

Im nächsten und letzten Teil werde ich euch berichten, wie es dazu kam das ich schon nach 3 Monaten Grönland wieder verließ und wieder zu meiner Familie reiste und was es mit dem aufgehängten Mann  auf dem Bild weiter oben auf sich hatte.

 

 

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 1

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 2

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 3

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 5

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 6

30 Kommentare

  1. ich finde es super, dass du so viel Einblick über die Bewohner Grönlands gibst! da muss ich dirket nochmal was zum Eisbären sagen: obwohl ich ja selber Vegetarier bin und fast keine tierischen Produkte konsumiere, fand ich diesen Anblick nicht schlimm!

    ich finde hier ist das eben noch etwas ganze anderes. die Inuit brauchten das schließlich ihres Überlebens wegen … daher nochmal eine gute Verbindung zu diesem Beitrag!

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von http://www.liebewasist.com

  2. Ich finde es toll, dass du die Erlebnisse teilst und uns so die Kultur und das Land näher bringst. Dabei zeigst du alles auf, auch Probleme.
    So erhascht man einen realen Blick auf diese Gegend, die man ja eher selten zu Gesicht bekommt und nur unter Kalt Eis Schnee Winter kennt..
    LG Sabana

  3. Das war wieder sehr interessant zu lesen! Und das Bild mit dem Eisbären fand ich nicht schlimm. Bin selbst Vegetarierien und war viele Jahre Veganerin. Dennoch kann man das nicht vergleichen mit der Massentierhaltung und Umweltverschmutzung, die für mich zum Beispiel ein wichtiger Beweggrund ist. Wenn in Grönland unter eisigen Bedingungen das Nahrungsangebot ansonsten knapp ist und es nichts anderes gibt, ist das eben so. Es gehört zum Leben dort dazu.

  4. Deine Grönland Berichte finde ich sehr faszinierend und immer sehr interessant. Deine Fotos sind beeindruckend, dass mit den bunten Häuschen in der Schneelandschaft schaut wie eine Miniaturlandschaft aus, super getroffen.
    Liebe Grüße
    Sigrid

  5. Liebe Ina,

    also ich fand die Bilder von dem Eisbären nicht schlimm! Das hat ja einen Hintergrund und passiert nicht einfach so!

    Danke für die tollen Einblicke in das Leben der Menschen vor Ort. Ich finde das sehr interessant. Bitte mehr davon :-)!

    Liebe Grüße
    Verena

  6. Hallo meine Liebe,

    das ist ein sehr interessanter Artikel. Vielen Dank! Jetzt will ich aber wissen, was es mit dem „Erhängten“ auf sich hat!

    Ich wünsche Dir einen guten Start ins Wochenende!

    Liebe Grüße,
    Verena

  7. Ein sehr schöner Bericht. Grönland würde ich mir auch wahnsinnig gerne mal anschauen. Aber ich glaube da braucht man etwas mehr Zeit. Gerade auch, um wie Du die Inuit besser kennenlernenzukönnen.
    Die bunten Häuser im Eingangsfoto ist wunderschön. Die Häuser sehen aus, als wenn Lego kleine Bausteine in den Schnee geworfen hat ?
    Liebe Grüße
    Olivia

  8. Hallöchen
    Ich habe mir sofort gedacht, dass du wegen dem Eisbären Foto viel Gegenwind bekommst. Finde es aber gut, dass du es reingstellt hast, weil es dort eben einfach so ist. Super Beitrag mal wieder!

    Liebst Linni

  9. Mal wieder ein sehr interessanter Bericht!
    Und da ist mir doch glatt aufgefallen, dass ich Teil 2 oder 3 noch nicht gelesen habe. Muss ich direkt mal nachholen! Bin gespannt wie es weiter geht und wieso du nach 3 Monaten wieder heimgekehrt bist. Ob es doch nicht das richtige war!? ?
    Liebe Grüße,
    Isabel

  10. Ich finde es immer traurig, wenn alte Kuluren den Bach runtergehen, nur weil wir Weißen mal wieder denken, dass unsere Auffassung des Lebens die allgemein gültige und Beste überhaupt ist.Kekn Wunder, dass die Leute ihren Frust im Suff ertrinken woĺlen.
    Liebe Grüße
    Alex

  11. Ein sehr guter Beitrag. Das mit dem Eisbären musste ich mir jetzt auch anschauen. Ich finde es sehr gut, dass du das Bild zeigst und den Hintergrund dazu erklärst. Leider gibt es immer wieder Leute, die gleich schreien, ohne sich wirklich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Schön finde ich es auch nicht, aber deshalb maße ich es mir dennoch nicht an darüber zu urteilen…
    In vielen vor allem nördlichen Ländern ist Jagen kein Hobby sondern schlicht und ergreifend auch Teil des Überlebens. Gut ist auf jeden Fall, wenn ein Tier komplett verwendet wird. Jagt aus purem Spaß hingegen finde ich ganz schlimm!
    Was ich auch ziemlich schräg finde ist das Bild mit dem „Erhängten“ – würde mich interessieren, was das darstellen soll.
    Grönland steht ganz oben auf unserer Liste. Deine Bilder lassen mein Herz höher schlagen ?

    Liebe Grüße
    Ines

  12. Ich liebe diese Serie und Grönland ist für mich eh ein Traum.
    Teil 3 fehlte mir noch und das mit dem Eisbären ist natürlich wirklich nicht schön, aber die Menschen dort jagen um zu überleben. Das ist ein Unterschied. ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn man ihnen z.B. die Jagd verbieten würde. Sie leben in Einklang mit der Natur, jagen nur das was sie zum Leben brauchen und verwerten alles. Natürlich tut es einem weh so etwas zu sehen, aber in so einem Fall würde es auch für mich als absolute Tierliebhaberin und Vegetarierin heißen: Augen zu und durch. Gut, dass Du das auch noch mal in Deinem Beitrag erklärst, andererseits aber auch schade, dass Du das musst.

    Und: in Thule kann man Taxi fahren???? Wohin???? Das lohnt sich doch gar nicht ?

    Lg Miriam

    1. Ich musste das nicht wirklich erklären. Es gab keinen Shitstorm oderso. Ich hatte nur das Gefühl, es fehlt noch eine Ergänzung.
      Das mit dem Taxi hatte ich auch nicht ganz verstanden. Aber da oben laufen halt einige Dinge anders. LG Nico.

  13. Obwohl Grönland sehr schön aussieht, besonders mit diesen kleinen bunten Häusern, könnte ich da wegen der Kälte vermutlich nicht länger als ein paar Tage verbringen. Bin auf deinen nächsten Bericht und die Fortsetzung sehr gespannt.

  14. Das klingt wirklich wieder wahnsinnig spannend!
    Bin seit dem ersten Teil dabei und freue mich schon auf Part V!
    Immer wieder interessant, wie unterschiedlich Kulturen sein können.
    Und auch erschreckend, dass sich so viele betrinken und wegen der kleinsten Probleme so schnell aufgeben :

  15. Also obwohl es mich ja in letzter Zeit immer wieder nach Island zieht muss ich ehrlich sagen das ich so lange glaube ich nicht in Grönland ausgehalten hätte. Zwar sind das landschaftliche betrachtet unbeschreibliche Bilder wenn das Wetter passt, aber mir wäre das auf Dauer dann doch irgendwie zu ‚frisch‘ und ist auch bestimmt nochmal eine andere Hausnummer als Island – da ist es ja nicht wirklich kalt obwohl viele das immer glauben. Auf jeden Fall zum lesen ein irre spannender Bericht bis hier hin. Bin auf den nächsten Teil wieder gespannt.

  16. Ein unglaublich interessanter und teilweise sehr trauriger Einblick in eine völlig andere Kultur. Es muss eine beeindruckende Erfahrung sein so tief in das Leben der Menschen eintauchen zu können!

  17. Mann, ist das spannend! Mit einer Grönland-Reise liebäugele ich immer wieder mal und nehme dann doch Abstand, weil… ich mir so gar nichts unter diesem Land und seinen Menschen vorstellen kann. Deine Berichte sind enorm aufschlussreich – auch wenn ich nun immer noch nicht sagen kann, ob ich nach Grönland reisen werde ?

    LG
    Jenny

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