Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 5

Der Mann am Galgen

Wie schon geschrieben arbeitete ich meist am kommunalen Verwaltungsgebäude. Als der Rohbau fertig war, kam das Thema Richtfest auf. So ein Richtfest ist eine feine Sache, bei allen Handwerken sehr beliebt. Die Maurer und Zimmerer übergeben die Baustelle den Handwerkern, die den Ausbau vornehmen, der Zimmerermeister hält eine Rede und wünscht dem Gebäude und natürlich dem Bauherrn viel Glück und der Bauherr spendiert ordentlich Essen und Trinken. Eine tolle Tradition! Wenn ein Bauherr einmal nicht zahlte, so wurde in einigen Regionen Deutschlands, ein Besen auf den Dachfirst genagelt. Damit jeder sehen kann was für ein Geizhals der Bauherr war. Ich schreibe hier bewusst in der Vergangenheitsform, denn keine Firma kann es sich heute noch leisten seine Kunden dermaßen zu beleidigen oder bloß zu stellen.

Bei den Dänen kam das Gerücht auf, das es kein Richtfest geben würde. Woher diese Information stammte, kann ich nicht sagen. Mittlerweile konnte ich zwar ein paar Brocken Dänisch, aber bei Weitem nicht genug. Bei den Dänen jedenfalls gab es die Tradition eine menschenähnliche Puppe am Kran aufzuhängen, falls ein Bauherr einmal das Richtfest vergessen sollte. Und genau das wurde auch getan. Die ganze Stadt konnte es sehen. Die Presse kam und interviewte die Dänen und damit waren wir alle in der Zeitung.

Die Presse war sehr schnell vor Ort.

Der Bürgermeister was sauer, der Chef natürlich auch und ich verstand mal wieder gar nichts. Zum Schluss gab es aber doch noch ein ordentliches Richtfest. Mit Essen und Trinken und natürlich einer ordentlichen Rede. Aber ob das nun an der Aktion mit der Puppe lag oder ob das Fest eh geplant war, kann ich nicht sagen. Aber der Mann wurde schnell vom Galgen genommen und durch einen ordentlichen Richtkranz ersetzt.

Geldprobleme

Lohn bekam ich, wie in Dänemark oft üblich, jeden zweiten Samstag. Dafür benötigt man allerdings ein Bankkonto. Zum Glück half mir einer der Kollegen beim Übersetzen, und so hatte ich ganz schnell ein grönländisches Konto.

Ein Bankkarte bekam ich auch ganz schnell. Die Geheimzahl lautete 1 2 3 4. Nein, das ist kein Witz! Aber sie funktionierte wenigstens.

Da der Rest der Familie immer noch in Deutschland war, musste ich natürlich regelmäßig Geld nach Hause schicken. Das Zauberwort heißt hier Dauerauftrag. Kennt jeder, macht jeder, ist eigentlich nichts Aufregendes. Jede zweite Woche schickte ich automatisch den meisten Lohn zu meiner Familie. Dachte ich zumindest. Nur in der ersten Woche kam das Geld auch wirklich an. Danach wurde es zwar weggeschickt, kam aber wieder zurück auf mein Konto. Was war da los? In solchen Fällen ist man ohne Sprachkenntnisse regelrecht aufgeschmissen. Ich weiß nicht, wie viele Wochen das so ging, aber irgendwann sah ich auf einem Kontoauszug das mir richtig viele Gebühren für die Überweisungen abgezogen wurden. Warum?

Sisimiut

Zum Glück bekam ich wieder Hilfe von einem der Dänen, und so wurde ich zumindest etwas schlauer. Es verhält sich nämlich so, das man beim Einrichten eines Dauerauftrages natürlich auch eine Kontonummer angeben musste. In meinem Fall war das die IBAN -Nummer. Diese Nummer, so meinte die Bankangestellte, sei eine geheime Nummer und ich müsste sie jedes Mal persönlich bei der Bank angeben. Aha?

Die Gebühren musste ich aber bezahlen, weil das Geld ja trotzdem überwiesen wurde. Nur eben ohne Kontonummer. Das Geld kam deshalb auch jedes Mal wieder zurück.

Die Entscheidung 

Heutzutage können wir mit unseren Smartphones weltweit auf unterschiedliche Weise kommunizieren. Wir verschicken Textnachrichten, Bilder oder sogar Videos in jeden Winkel der Welt. 2005 ging das so leider nicht. Man brauchte einen Computer und einen Internetanschluss. Davon stand mir einer zur Verfügung, und das nur nach Feierabend oder am Wochenende. Mit der Familie konnte ich also nur Mails schreiben und gelegentlich mal telefonieren. So konnten wir zumindest etwas Kontakt halten.

So bekam ich natürlich mit das sie immer mehr Geldprobleme hatten, während ich immer mehr Geld anhäufen konnte. Jetzt konnte ich natürlich mal wieder jemanden um Hilfe bitten, nur um eine Überweisung zu tätigen. Aber alle zwei Wochen? Ich konnte doch nicht die Geduld meiner Kollegen dermaßen über strapazieren. Und wie sollte das alles weiter gehen? Meine nicht vorhandenen Sprachkenntnisse, die sozialen Probleme und die Tatsache das man als Ausländer keinerlei Anspruch auf Sozialleistungen hatte. Kein Arbeitslosengeld, keine Krankenversicherung und kein Anspruch auf Rente. Man konnte die Stadt nur mit dem Flieger verlassen und ob es in Zukunft immer genügend Arbeit gab konnte natürlich auch niemand garantieren.

Also entschloss ich mich spontan zu kündigen. Das überraschte zwar die meisten meiner Kollegen, aber manchmal muss man eben solche Entscheidungen treffen. Und ich bin mir bis heute sicher das es die richtige Entscheidung war.

Selbstverständlich musste ich die Probezeit noch einhalten. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es 2 oder 4 Wochen waren. Hier lässt mich mein Gedächtnis im Stich (ich hoffe, das kommt in Zukunft nicht noch öfter vor). Aber diese letzten Tage waren meine spannendsten Tage auf Grönland.  Ich erlebte den abgedrehtesten Grillabend, seit ich denken kann, ein Grönländer lud mich auf eine Hundeschlittentour ein, eine Sportfest ohne Zuschauer, eine seltsames Loch im Schnee und zum Schluss sah ich sogar noch zwei große Wale. Aber davon berichte ich erst im nächsten Teil.

 

 

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 1

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 2

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 3

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 4

Drei Monate in Sisimiut (Grönland) – Erinnerungen an ein längst vergangenes Abenteuer – Teil 6

18 Kommentare

  1. Ich find ja Cliffhanger immer doof 😀
    Das mit der Überweisung ist ja echt abgefahren, was für ein Ranz. Und ich kann deine Entscheidung zu kündigen gut verstehen. Immerhin hast du dieses Abenteuer erlebt und warst eine Weile da!
    Bin gespannt auf den nächsten Teil 🙂
    Sonnige Grüße!
    Michelle

  2. Bei uns wird beim Richtfest ein kleiner Baum aufgestellt. Aber es wirklich interessant wie das in anderen Ländern so gefeiert wird.

    Ich finde es übrigens sehr mutig von dir, dass du damals gekündigt hast und zurück heim bist. Damals war das sicher noch ganz anders und wenn das mit den Überweisungen nicht gelingt, ist es noch viel schwieriger.
    Ich bin mir aber sicher, jetzt geht das sicher einfacher? Vielleicht also doch nochmal zurück? 🙂

    Alles Liebe,
    Julia
    http://www.missfinnland.at

  3. Hi,

    wieder ein sehr schöner Bericht – und endlich kam die Auflösung mit dem erhängten Mann 😉

    Ich wünsche Dir einen wunderbaren Wochenstart und grüße Dich von meinem Lieblingsleseplatz aus ganz herzlich,
    Verena.

  4. Super toller und spannender Bericht der Lust auf mehr macht 🙂 Das mit der IBAN ist ja nun mal wirklich bescheuert, sowas hab ich noch nie gehört. Naja, andere Länder andere Sitten ^^

    Liebe Grüße
    Carry

  5. Das mit der Kündigung kann ich verstehen. Hätte vermutlich jeder so gemacht. Der Sonnenuntergang auf dem letzten Bild sieht übrigens sehr schön aus 🙂

  6. Schöner Beitrag, und ich kann Deine Entscheidung zu kündigen verstehen. Aber man merkt, dass Du es Dir gut überlegt hast. Die Bilder sind wie immer toll! Das mit den Überweisungen ist ja echt krass!

    LG, Bea.

  7. Mega spannend klingt das alles! Das mit der Richtfesttradition ist irgendwie witzig und das aus Deutschland kannte ich auch noch gar nicht. Wahrscheinlich weil mein Papa immer ein sehr großzügig ausgeteilt hat und dicke Partys für die Handwerker geschmissen hat, haha!

    Ich kann mir richtig gut vorstellen, dass es total kompliziert ist solche alltäglichen Dinge zu klären, wenn man die Sprache nicht spricht. Zumal man das ja auch nicht irgendwie aus dem Englischen herleiten kann oder so…

    Und was ist dann nach der Kündigung passiert? Bist du wieder nach Deutschland zurück?

    Liebe Grüße
    Anna

  8. Oh sieht das vielleicht kalt aus… Leider nichts für mich ^^.
    Ein interessanter Beitrag. Das mit der Puppe auf dem Dach, fand ich spannend. Habe ich so auch noch nie gesehen/ gelesen. Deine Kündigung kann ich sehr gut nachvollziehen und wünsche dir auf den weiteren Wege alles gutes.

    Alles liebe

  9. Na da hast du aber einiges erlebt Nico! Kann mir gut vorstellen, dass gerade so alltägliche Dinge anfangs oft nicht leicht zu handeln sind. Richtig spannend, deinen Aufenthalt in Grönland zu verfolgen! 🙂

    Liebe Grüße,
    Verena von whoismocca.com
    PS: mein neuer Hundeblog ist online: thepawsometyroleans.com

  10. Im Nachhinein für Leser eine lustige Geschichte, obwohl es die für Dich sicher nicht war. Trotzdem hört sich Deine Zeit dort spannend an.
    Und das letzte Foto ist einfach nur ein Traum den ich so gerne auch mal vor die Linse bekommen würde!

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