Bokmål und Nynorsk – eine oder zwei Sprachen?

Heute gibt es ein Gastbeitrag von Catharina Capteyn über die 2 verschiedenen Sprachen in Norwegen:

Bokmål und Nynorsk – eine oder zwei Sprachen?

 

Nicht nur vor Beginn des Sprachkurses sind einige Lerner verunsichert von den Begriffen – was lerne ich hier überhaupt und ist das auch das ‚richtige‘ Norwegisch? – sondern auch im fortgeschrittenen Lernstadium ist vielen nicht ganz klar, was das mit diesen beiden Begriffen auf sich hat. Versuchen wir doch mal, ein wenig (!) Übersicht zu schaffen:

 

Bokmål und Nynorsk sind gleichwertige Formen des Norwegischen und damit gemeinsam mit Samisch Amtssprache(n) des Königreichs Norwegen. Die meisten Norweger haben Bokmål als Erstsprache. Offizielle Dokumente usw. müssen jedoch zweisprachig sein, ebenso Klausuren an der Uni und Vieles mehr, denn immerhin haben unterschiedlichen Quellen nach rund 10–15 % der Norweger Nynorsk als Erstsprache. Die Haupt-Nynorsk-Region befindet sich in Norwegens Westen, in den Provinzen Rogaland, Hordaland, Sogn og Fjordane und Møre og Romsdal, wie man auf dieser Karte sehr gut sehen kann: https://no.wikipedia.org/wiki/Målform#/media/File:Målformer_i_Norge.svg

Foto: Wikipedia   

Rot-Bokmål

Blau-nynorsk

Grau-neutral

Warum gibt es diese zwei Varianten denn überhaupt?

 

Schuld ist die norwegische Sprachpolitik. Lange Geschichte sehr kurz: Da Norwegen lange Zeit zu Dänemark gehörte, prägte die dänische Schriftsprache das Land. Noch heute sehen wir große Ähnlichkeiten zwischen geschriebenem Dänisch und Bokmål. Vereinfacht gesagt ist damit das heutige Bokmål mehr oder weniger aus dem Dänischen entstanden, nur haben sich norwegische und dänische Aussprache über die Jahrhunderte deutlich voneinander weg entwickelt.

Ivar Aasen, Sprachwissenschaftler im 19. Jahrhundert, erforschte nun nach der Unabhängigkeit die gesprochenen norwegischen Dialekte aus dem ganzen Land mit besonderem Augenmerk auf die abgelegenen und wenig von der Buchsprache Dänisch beeinflussten Regionen. Ebenfalls sehr vereinfacht gesagt erstellte er schließlich einen Querschnitt daraus, wie die ‚normalen‘ Leute sprachen und konstruierte damit ein ‚echteres‘, ursprüngliches Norwegisch, welches später Nynorsk genannt wurde. Mancherorts wurde dieses besser angenommen, andernorts schlechter. Sprachreformen sind ja immer irgendwie schwierig. 😉

 

So weit die Theorie – oder die Schriftsprache. Denn Norwegen ist ein Land der lebendigen Dialekte, und es gibt wahrscheinlich mehr davon als Einwohner. Die Begriffe Bokmål und Nynorsk beziehen sich auf schriftliche Sprachnormen, während es für die Aussprache keine festen Regelungen gibt (wie beispielsweise auf Deutsch). Was euch heute im Land begegnet, sind daher Dialekte der Bokmål- oder Nynorsk-Variante. Aber Achtung: Nynorsk ist KEIN Dialekt, sondern eine Schriftsprachennorm.

 

Und was solltet ihr dann am besten lernen?

 

Die Meinungen gehen vielleicht auseinander, aber da beide Sprachen nach wie vor mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede aufweisen, können sich die Sprecher in der Regel völlig unproblematisch untereinander verstehen und es ist egal, was ihr lernt. Manchmal ist ein anderer Dialekt der ‚eigenen‘ Sprachform schwieriger als die andere Sprachform, damit müsst ihr ja sowieso in Norwegen rechnen. 🙂 Wahrscheinlich merkt ihr gar nicht, wenn ein Norweger mit euch die jeweils andere Form spricht, eben weil es gut verständlich ist!

Wenn ihr bereits in Norge (Bokmål) bzw. Noreg (Nynorsk) wohnt, orientiert ihr euch natürlich an der Region, in die ihr gezogen seid, und lernt das, was im Sprachkurs vor Ort empfohlen wird. Die meisten Sprachschulen im Ausland unterrichten Bokmål (so wie wir), und das Lehrmaterial ist wesentlich umfangreicher. Obwohl ich Nynorsk sehr mag, heißt mein Urteil daher normalerweise: Mit Bokmål macht ihr erstmal nichts verkehrt. Ich finde aber natürlich Verständnisübungen in Nynorsk unerlässlich und mache daher auch immer gern Exkurse in diese Variante – ebenso in Dänisch und Schwedisch, denn auch diese Sprachen kann man als Norwegischlerner irgendwann gut verstehen – und so bekommen die Schüler in meinen Kursen auf jeden Fall allerhand Eindrücke, wie ‚das andere‘ dann aussieht und klingt.

 

Noch Fragen?

 

So, dieser Artikel sollte wirklich nur grob erklären, was Bokmål und Nynorsk eigentlich fürs Sprachenlernen bedeuten. Wenn ihr neugierig seid, kann euch Wikipedia übrigens noch viel mehr dazu erklären und auch ein paar Wort- und Satzbeispiele für die – gar nicht so drastischen – Unterschiede zwischen den Sprachformen geben: https://no.wikipedia.org/wiki/Bokmål & https://no.wikipedia.org/wiki/Nynorsk Und wenn euch noch ganz dringende Fragen unter den Nägeln brennen, schreibt ihr mir an post – at – ordcap.de!

Mein Name ist Catharina Capteyn, Jahrgang 1984, aus Osnabrück. Nach einer etwas längeren Findungsphase nach meinem Skandinavistikstudium habe ich mich als Norwegischlehrerin selbstständig gemacht – was soll man auch sonst damit machen? ?
Inzwischen kann man an meiner Online-Sprachschule www.ordcap.de neben Norwegisch auch Schwedisch, Dänisch, Isländisch und Finnisch lernen, bequem über Skype.
Gelegentlich veröffentliche ich Blogartikel zur norwegischen Sprache mit Lerntipps und Eselsbrücken-Bauanleitungen, Wort- und Grammatikerklärungen, Lehrbuchinfos und vielem mehr auf www.ordcap.de/blog oder Fundstücke rund um die nordischen Länder und Infos zum Sprachenlernen auf facebook.com/ordcap.de. Schaut gern mal rein!

 

 

Wandkalender 2019 Russland oder Norwegen

Norwegen von A bis Z, Buchstaben : A-K

Norwegen von A bis Z , Buchstaben: L-S

 

12 Kommentare

  1. Liebe Ina,

    das wusste ich gar nicht … macht es definitiv nicht einfacher die Sprache zu lernen ;-). Und ich dachte Deutsch ist eine schwierige Sprache, aber da gibt es eine Hochsprache die alle verstehen und dann halt ein paar Dialekte in den verschiedenen Bundesländern.

    Auf jeden Fall ein interessanter Beitrag!
    lg
    Verena

  2. Ich würde nur all zu gerne eine der Sprachen lernen, aber bin da leider nicht so begabt. Ich war dieses Jahr in Finnland und muss sagen, dass die nordischen Sprachen dem Deutschen so überhaupt nicht ähnlich sind und das kann ganz schön verwirrend sein.

    Lg Lisa

    1. Na Finnisch ist ja nochmal eine ganz andere Hausnummer und hat ja gar nicht mit unserer Sprachfamilie zu tun. Dänisch/Norwegisch/Schwedisch ist nicht schwer da eben mit Deutsch in einer Sprachfamilie. Gar kein Problem, wenn man dazu noch Englisch kann, ist es noch einfacher.

      Lg Ina

  3. Schwierig wird es wohl dann, wenn man nach Norwegen auswandern möchte, denk ich mir mal. Wie ist das dann in Universitäten? Muss man da seine Dissertation in beiden Sprachen machen? Sehr interessantes Thema.

    1. Nö das wird nicht schwierig, man lerńt halt eine Sprache und die andere ist ja jetzt nicht ganz fremd, bei Behördensachen usw. kann man wählen in welcher Sprache man die Formulare und Antworten usw. bekommt. Auch Dissertationen braucht man nur in einer Sprache.

      LG Ina

  4. Ihr Lieben, großen Dank für all eure netten Kommentare! Ich freue mich, dass der Beitrag gefällt. Falls doch der eine oder andere jetzt neugierig aufs Sprachenlernen geworden ist – und Norwegisch ist wirklich nicht so schwer! -, dann wisst ihr, wo ihr unsere nordische Schule findet: http://www.ordcap.de

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