Altglas Review: Industar 50-2 f3.5

Unter den alten Objektiven gibt es einige wirklich interessante Exoten, die uns heutzutage eigentlich nur noch verwundern. Eines davon ist das kleine, oder besser winzige, Industar  50-2. Objektive wie dieses machen für mich den Reiz aus, so alte Objektive überhaupt zu nutzen, denn sie weichen komplett vom heutigen Standard ab und machen die Fotografie meiner Meinung nach ein Stückchen interessanter.

Industar 50-2 an meiner Kamera

Der Winzling mit dem kleinen Guckloch

Das Objektiv ist wirklich winzig! Es war auch gar nicht so leicht zu finden, in den Paket zwischen all dem Verpackungsmaterial. Es ist etwa 19 Millimeter lang und wiegt gerade einmal knapp 70 Gramm. Die Frontlinse ist kleiner als mein Daumennagel und wirkt somit wirklich mickrig. Der Blendenring befindet sich vorne am Objektiv, also dort wo man normalerweise den Fokusring vermutet. Die Blende lässt sich stufenlos einstellen und der Ring lässt sich sehr leicht drehen. Dadurch passiert es sehr häufig, dass man die Blende versehentlich verstellt. Man muss das also permanent überprüfen.

Industar 50-2 von vorne

Der Fokusring läuft sehr geschmeidig und lässt sich fast eine ganze Runde drehen. Das ist ziemlich viel und lässt so ein schnelles Fokussieren gar nicht zu. Allerdings kann man so auch sehr Präzise den gewünschten Fokuspunkt wählen.

Das Kit-Objektiv meiner Kamera, das alte Minolta 50/1.7 und das Industar 50-2 im direkten Größenvergleich.

Einige nennen diesen Winzling liebevoll Schweineschnäuzlein, weil es wie eine kleine Schweinenase auf der Kamera sitzt. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein billiges Spielzeug. Es erinnerte mich an die komischen Linsen, die man sich vor die Smartphone-Kamera klemmen kann. Klar kann man damit knipsen, aber warum sollte man das tun?

Es kommt mal wieder nicht auf die Größe an!

Mir wurde gesagt, dass Objektiv sehe lächerlich aus. Das war mir aber egal. Allerdings habe ich nach wie vor Probleme, die Kamera richtig zu halten. Normalerweise stütze ich mit meiner linken Hand das Objektiv und kann so mit Daumen und Zeigefinger fokussieren. Bei dem Winzling ist das einfach nicht möglich. Auch kommt es gelegentlich vor, dass mal ein Finger mit vor die Linse gerät, den man dann sogar mal mit fotografiert. 

Spiegelung in einem kleinen Teich

Allerdings sollte man die Abbildungsleistung der kleinen Linse auf keinen Fall unterschätzen. Eine knackige Schärfe, tolle Details und schöne Kontraste haben mich total überrascht. Dieses kleine Ding liefert Bilder, die ich nie für möglich gehalten hätte. 

Allerdings wurden die Bilder allesamt viel zu dunkel aufgenommen. Ich vermute mal, das es an meiner Kamera liegt, die mit dem fehlenden Blendenwert nichts anfangen kann, und somit die Belichtungszeit falsch berechnet. Leider erkennt man den Fehler nicht an den Vorschaubildern der Kamera, sondern erst am Rechner. Da ich in RAW knipse, kann ich die Bilder aber ganz gut mit darktable wieder aufhellen. Ich musste nur etwas Bildrauschen in kauf nehmen. Abhilfe schaffte es  hier die Belichtungskorrektur der Kamera auf +1.3 zustellen. Lieber etwas überbelichten als unterbelichten, um das Rauschen zu minimieren.

Die Bilder entstanden fast alle bei Spaziergängen mit der Familie oder beim Besuch im Görlitzer Tierpark, also in Situationen, in denen man eher weniger Zeit zum Fotografieren hat. Das Objektiv hat eine feste Brennweite von 50 mm, was nicht unbedingt die optimalste Brennweite für einen Zoobesuch ist, aber es ging mir auch gar nicht darum die Tiere zu fotografieren, sondern zu sehen, was mit so einem Objektiv eigentlich möglich ist.  Bei einem Praxis-Test benötigt man halt Bilder die auch im Alltag entstehen und diesen Test hat das kleine Ding ganz sicher bestanden. Wobei 50 mm nicht unbedingt meine Lieblingsbrennweite ist. Irgendwie ist sie mir immer etwas zu lang oder zu kurz, aber das hat halt etwas mit den persönlichen Vorlieben zu tun.

Allerdings ist es kein Weltmeister in Sachen Geschwindigkeit. Das ständige überprüfen der Blende und extrem lange Fokusweg, bei dem man  gleich das ganze Objektiv dreht, entschleunigen die Knipserei gewaltig. Man muss sich vor dem Auslösen schon im klaren sein, was man will. Aber das ist bei manuellen Objektiven wohl keine Überraschung. Spielende Kinder zu fotografieren entpuppte sich als eine echte Herausforderung. 

Ein weiteres Problem stellt Gegenlicht und Streiflicht dar. Das Objektiv ist auf Grund fehlender Vergütung der Frontlinse anfällig für Lens Flares und schwache Kontraste. Abhilfe könnte hier eine Gegenlichtblende schaffen. Allerdings hat das Filtergewinde, an das man so eine Gegenlichtblende schrauben könnte, gerade einmal  einen Durchmesser von 35,5 Millimeter. Da ich sowas kleines nicht besitze, musste ich erst einmal darauf verzichten. Außerdem befürchte ich, dass sich die Blende noch schneller versehentlich verstellt, da sich das Filtergewinde eben genau an diesem Einstellring befindet.

Peterskirche in Görlitz bei Sonnenaufgang

Die Fotos wurden übrigens alle bearbeitet. Nicht nur die Helligkeit wurde korrigiert, sondern auch die Sättigung, die Kontraste, Lichter und Schatten…. na eben eine ganz normale Bearbeitung. Viele Leute wollen bei Objektiv-Beschreibungen lieber unbearbeitet Bilder sehen, weil man so angeblich besser erkennen kann, was die Objektive leisten. Allerdings sehen unbearbeitet RAW immer recht schrecklich aus. Die Bearbeitung gehört zur digitalen Fotografie dazu und möchte einfach kein Zeug veröffentlichen, was nur halb fertig ist. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, meiner Frau Rohdiamanten zu schenken (geschliffene Diamanten hat sie aber auch noch nicht bekommen).

Technische Details

Das Objektiv hat wie schon geschrieben eine Festbrennweite von 50 Millimetern. Es hat eine Offenblende von f/3.5 und lässt sich bis f/16 schließen. Es stammt aus russischer Produktion und wurde seit etwa 1955 produziert. Die Qualität der Linsen soll stark schwanken, was der damaligen Planwirtschaft geschuldet wird, allerdings habe ich nur ein Industar 50-2 Objektiv und kann somit nicht viel dazu sagen.

Görlitzer Altstadt

Es ist 19 Millimeter lang, 50 Millimeter breit und wiegt 67 Gramm. Es verfügt über 7 Blendenlamellen und hat einen Blickwinkel von 45°

Es gibt Versionen mit kyrillischer und lateinischer Schrift. Die lateinische Version war für den Export bestimmt.

Die Naheistellgrenze liegt bei 60 cm, was bei der Brennweite ganz normal ist.

Der Anschluss ist ein m42 Schraubgewinde. Ältere Versionen hatten ein m39 Gewinde, daher sollte man beim Kauf unbedingt achten.

Gekauft habe ich das Objektiv in einem bekannten Online-Auktionshaus zu einem Sofort-Kauf-Preis von gerade einmal 10 € plus 5€ Versandkosten. Allerdings werden dort die selben Objektive oft bis zu 40€ angeboten.

Schattenspiel der untergehenden Sonne

Mein Fazit:

Wow! So eine Bildqualität von so einem kleinen Ding für gerade ein mal 15€. Das war eine wirkliche Überraschung. Natürlich muss man für so einen Exoten auch einige Abstriche im Komfort und Geschwindigkeit machen, dafür aber erhält man eine tolle Bildqualität, die sich hinter einigen modernen Objektiven nicht verstecken braucht.  Wer nicht auf schnelle Reaktionen angewiesen ist, kann mit dem Industar 50-2 wirklich solide arbeiten. An einer kleinen Kamera macht sich der Zwerg wirklich gut, da man damit Platz und Gewicht spart. 

Auf jeden Fall machte Spaß mit so einem Exoten zu arbeiten. Ich möchte sogar behaupten, es steigert die Kreativität, wenn man sich gelegentlich mit solchen Objektiven einschränkt, weil so zu einer neuen Sichtweise gezwungen wird.

Zum Schluss zeige ich euch noch einen kleinen Zeitraffer, dem ich mit diesem Objektiv aufgenommen habe. Die Schärfe des Industar 50-2 hatte mich hier wirklich begeistert. Auch wenn die Brennweite nicht so ganz die meine ist, werde ich den Winzling wohl öfters mal einsetzten. Als nächstes verwende ich ihn wohl in Kombination mit einem Balgengerät. Das muss allerdings erst noch hier ankommen und dazu wird es auch eigenes Review geben.

 

 

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