Schulterblick: die letzten sechs Monate mit manuellen Objektiven

Das ich mich in letzter Zeit sehr stark für manuelle Objektive  interessiere, wird den meisten Lesern hier kaum entgangen sein. Nun, nach etwa einem halben Jahr, wird es Zeit für mich meine Erfahrungen mit euch zu teilen.

Wie alles begann

Bevor ich anfange, über die einzelnen Objektive oder die verschieden Brennweiten und Besonderheiten zu schreiben, muss ich ein wenig ausholen und die Hintergründe für mein Vorhaben zu erläutern. Objektive stellen das Herzstück der Fotografie dar. Die Qualität des Objektives ist entscheidend für die Qualität und den Charakter der Bilder. Jedes Objektiv ist anders. Manche sind schärfer als andere, andere wiederum sind eher sehr soft und wieder andere sind sehr Kontrastreich. Es gibt unzählige Objektive und jedes hat seine Stärken und seine Schwächen. Es kann also sehr spannend sein, verschiedene Objektive einmal auszuprobieren.

Nun hat die ganze Sache mal wieder einen gewaltigen Hacken: Objektive sind verdammt teuer! Deshalb kauft man sich in der Regel nicht gleich einen ganzen Sack von den Dingern, sondern man  kauft immer nur nach und nach die Brennweiten, die man für seine Arbeit benötigt.  Für Hobbyfotografen wird es an dieser Stelle schwierig, denn wir verdienen in der Regel keinerlei Geld mit der Fotografie. Da wir aber sehr leidenschaftlich fotografieren, wollen wir natürlich möglichst viele verschiedene Objektive nutzen.

Mit der Zeit sammelt sich allerlei Kram bei uns an und der Objektivpark wächst mit den Jahren immer weiter. Nun verwendet jeder Kamerahersteller einen eigenen Objektivanschluss, dem sogenannten Mount. Man kann nicht einfach ein Sony-Objektiv an einer Nikon verwenden, es sei denn man verwendet Adapter, falls es welche gibt. Genau das ist der Punkt, der mir in letzter Zeit eine Menge Sorgen bereitete. Ich verwende eine Kamera mit einem Sony A-Mount. Dieser Anschluss ist schon recht alt, stammt noch von den Minolta-Spiegelreflexkameras und es gibt einen recht großen Markt mit gebrauchten Objektiven. Allerdings werden aktuell nur noch drei Kameras mit diesem Mount hergestellt und wie lange Sony diese Kameras noch produziert ist also völlig unklar. Irgendwann wird es keine Kameras mit diesem Anschluss mehr geben. 

Und selbst wenn in 20 Jahren immer noch Kameras mit dem A-Mount produziert werden, möchte ich vielleicht gar nicht mehr meine Kameras von diesem Hersteller kaufen. Vielleicht passen andere Kameras viel besser zu mir. Wenn mir nur drei Kameras zur Verfügung stehen, dann ist das auch keine richtige Auswahl, denn diese drei Kameras spielen in drei verschiedenen Preisklassen.

Ein Systemwechsel ist allerdings sehr teuer, denn in der Regel ist das Zubehör nicht mit der neuen Kamera kompatibel. Das fängt mit den Steckern für den Zeitauslöser an und endet bei den Objektiven. Man sieht also, dass man sich sehr schnell von einem Hersteller abhängig machen kann. Das mag ich so eigentlich überhaupt nicht.

Das man alte Gläser an neuen Kameras verwenden kann, war mir nicht unbekannt, aber ich hatte mich nie damit wirklich beschäftigt. Doch vor etwa einem Jahr stieß ich zufällig über den Begriff m42.  Objektive mit einem m42-Anschluss haben an der Rückseite ein Gewinde (mit einem Durchmesser von 42 Millimeter) mit dem sie einfach in das Kameragehäuse geschraubt werden. Sehr viele Kamera- und Objektivhersteller verwendetem diesem Standard über viele Jahrzehnte hinweg und somit gibt es zahlreiche solche Objektive, die immer noch sehr gut funktionieren. 

Der Gedanke an einen einheitlichen Standard ließ mich aufhorchen und ich war sofort Begeistert, denn einen einheitlichen universellen Standard vermisse ich in der Fotografie sehnlichst. Jeder Hersteller versucht seine Kunden mit proprietären Anschlüssen zubinden. Es gibt ja nicht einmal einheitliche Stecker für Fernauslöser und selbst für Aufsteckblitze gibt es unterschiedliche Schuhe. Warum?

Die ersten Gehversuche  

Zu diesem Zeitpunkt lebten wir noch in Norwegen. Ein kleines Land mit einem noch viel kleineren Markt. Amazon liefert kaum und wenn dann sind oft Einfuhrzölle fällig. Es war also gar nicht so einfach gewisse Produkte zu kaufen. Dazu gehören auch m24-aMount-Adapter. Ich fand aber trotzdem einen Anbieter und bestellte mir einen. Dazu kaufte ich mir auf der norwegischen Gebrauchtbörse finn.no mein erstes manuelles Objektiv. Ein Petri 55/1.8. Es war überraschend scharf und die Haptik war toll. Es besteht gänzlich aus Metall und lag richtig gut in der Hand. Allerdings machte sich sehr schnell Ernüchterung breit, denn ich konnte mit diesem Objektiv nicht bis unendlich fokussieren. Alles was weiter entfernt war als 5 oder 10 Meter bleib unscharf.

Jetzt wusste ich natürlich nicht, ob es an dem Objektiv oder am Adapter lag. Vielleicht lag es auch an der Kamera? Ich fragte in verschiedenen Gruppen nach und bekam eigentlich keine wirkliche Antwort auf meine Fragen. Wie auch, wenn ich kein weiteres Objektiv zum Ausprobieren hatte. Doch wollte ich eigentlich kein weiteres Geld für diese Spielerei verschwenden. Schließlich stand noch ein ein Umzug an, da musste ich andere Prioritäten setzen.

Nach dem Umzug aber wollte ich es wieder wissen, und bestellte mir einen weiteren Adapter und ein weiteres Objektiv. Diesmal ein Revuenon-Special 35/2.8. Und es funktionierte! Ich konnte fokussieren und die Bilder wurden alle ausreichend scharf. Es ist kein besonders tolles Objektiv, kostete gerade einmal 15€, aber es machte was es sollte und nur darauf kam es mir an. Von jetzt an sollte mein Objektivpark wachsen.

Die Umstellung auf Festbrennweiten

In der Regel sind die alten Objektive allesamt Festbrennweiten. Es gab auch ein paar Zoomobjektive, aber die sind nicht wirklich empfehlenswert. Feste Brennweiten haben einige Vorteile, sie sind meist sehr scharf und lichtstark und sehr kompakt. Allerdings musste ich mich erst einmal daran gewöhnen. Nach mehr als 15 Jahren mit Zoomobjektiven ist das gar nicht so einfach. Zum einen muss man sich viel mehr bewegen, zum anderen hatte ich immer das Gefühl, die falsche Brennweite zunutzen. Mal musste ich ganz nah ran, mal reichte der Platz nicht aus, nie bekommt man alles auf das Bild. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, mir würde etwas fehlen. Ich war aber von der Optischen Qualität mancher Objektive dermaßen angetan, dass ich unbedingt weitermachen wollte.  

Ich hatte mir aber angewöhnt, immer nur mit einer Brennweite loszuziehen und nur damit zu arbeiten. Es dauerte gar nicht lange, bis ich ein Gefühl dafür entwickelte. Nach sehr kurzer Zeit fing ich schon an mit den Brennweiten und den Blendenwerten zuspielen. Das Spiel mit der Unschärfe und den Perspektiven fing an richtig Spaß zumachen. Es mag eigenartig aussehen, wenn man erst einmal  vor einem Motiv herumtänzelt, bevor man endlich ein Foto macht, aber Bewegung soll ja bekanntlich gesund sein.

Seit ich mit diesen festen Brennweiten arbeite, nehme ich mir viel mehr Zeit für die Bildgestaltung und die Komposition. Ich achte viel mehr auf den Vorder- und den Hintergrund. Ich wähle sehr bewusst den Blendenwert, um den Hintergrund zu gestalten oder um meine Motive freizustellen. Das habe ich vorher natürlich auch alles gemacht, aber ich habe das Gefühl, dass ich ein ganz neues Level erreicht habe. 

Das manuelle Fokussieren 

Ich fokussiere schon eine geraume Zeit sehr viel manuell. Das geht oftmals schneller, als wenn ich erst in der Kamera die Fokuspunkte einstellen würde, nur um einen bestimmten Bereich im Bild scharf zustellen. Man muss aber bedenken, dass meine Motive sehr beharrlich sind. Landschaften oder Architekturen bewegen sich eigentlich selten besonders schnell und damit habe ich auch genügend Zeit.

Deshalb war die Umstellung auf manuelle Objektive hier nicht sehr groß. Im Gegenteil, es war überraschend einfach. Etwas nervig ist nur manchmal, dass sich der Fokusring mal Vorne und mal Hinten am Objektiv befindet. Dadurch kommt es öfter mal vor, das ich eher die Blende verstelle, als den Fokus. Gerade wenn sich die Blende stufenlos einstellen lässt, irritiert es mich oft mal, wenn sich das Bild nicht scharfstellen lässt. Aber das ist alles eine Sache der Gewohnheit.

Schwierig wird es für mich aber, wenn ich Motive fotografieren will, die sich bewegen. Kinder zum Beispiel wollen nie stille stehen. Hier muss ich noch viel üben. Hilfreich ist hier, wenn man die Blende weiter schließt, denn dadurch ist der Schärfebereich viel tiefer.  Das hilft aber auch nicht immer.

Die Blende

Es ist völlig egal, ob ich die Blende an der Kamera oder am Objektiv einstelle. Das Ergebnis ist das Selbe. Allerdings hat die manuelle Blende für mich einen sehr großen Vorteil. Normalerweise steht die Blende immer weit geöffnet um möglichst viel Licht einzufangen. Die Kamera schließt erst beim Auslösen auf die gewünschte Blende, die sogenannte Arbeitsblende. Der Vorteil ist, dass man möglichst helles Sucherbild hat. Der Nachteil ist aber, dass man die Tiefenschärfe schlecht einschätzen kann. Dafür gibt es zwar den Abblendknopf, aber mit einer manuellen Blende ist es für mich wesentlich komfortabler. 

In der Praxis

In den letzten sechs Monaten habe ich nur ein einziges Mal ein Objektiv mit Autofokus verwendet und das auch nur für ein paar wenige Bilder. Schaue ich mir die Bilder des Tages an, kann ich nicht einmal mehr sagen, welche es waren. In den ersten Wochen hatte ich immer 1 oder 2 automatische Objektive im Rucksack. Man weiß ja nie. Heute habe ich nur noch manuelle Objektive dabei und komme damit bestens zurecht. Aber wie gesagt: solange sich meine Motive nicht bewegen. 

Die schon erwähnten Festbrennweiten haben meine Fotografie stark verändert! Nicht weil sie besser sind, oder schärfer, oder was ihnen sonst so nachsagt, sondern weil ich gezwungen bin, mich viel mehr auf mein Motiv einzulassen. Es reicht nicht mehr aus, an einem Zoom-Ring zudrehen, ich muss mit der Kamera die richtige Position einnehmen, um meine Bilder zu gestalten. Wenn man diesen Mehraufwand betreibt, achtet man auch viel mehr auf Vorder- und Hintergrund. Man achtet auch viel mehr auf die Tiefenschärfe und man sucht viel häufiger ungewöhnliche Perspektiven, Blickwinkel und Kompositionen.

Dadurch, dass man mit verschiedenen Brennweiten arbeitet, bekommt man auch ein ganz anders Gefühl dafür. Man setzt viel bewusster eine bestimmte Brennweite ein, als man es mit einem Zoom-Objektiv tun würde. 

Das alles braucht natürlich viel mehr Zeit. Gerade am Anfang war ich mehr mit der Kamera als mit dem Motiv beschäftigt. Doch mit der Zeit wird man routinierter und die Arbeit verläuft viel flüssiger.


Da die Objektive keinerlei Informationen an die Kamera liefern, kann die Kamera die Belichtungszeit oftmals nicht richtig berechnen. Das Sucherbild ist in meiner Sony zwar optimal, aber die Helligkeit auf den Bildern kann stark abweichen. Hier kommt es einfach auf das Objektiv an. Ich fotografiere viel im A-Modus und überlasse Berechnung der Verschlusszeiten gerne der Kamera. Das funktioniert aber nicht mit Telebrennweiten, denn die Kamera begnügt sich oftmals mit 1/60s. Selbst mit Iso-Automatik. Bei 135 mm Brennweite ist das aber viel zu lang. Verwendet man Moderne Objektive berücksichtigt die Kamera auch die Brennweite. Hier muss man also selber Hand anlegen.

Einige Objektive sind vergütet und kommen sehr gut mit Gegen- oder Streiflicht zurecht. Andere eher nicht. Es empfiehlt sich unbedingt eine Gegenlichtblende zu verwenden! Diese kann man günstig kaufen und sie werden einfach auf das Filtergewinde des Objektives geschraubt. Man kann also die diese Gegenlichtblenden auf verschiedenen Objektiven verwenden. Natürlich muss der Gewindedurchmesser passen und die Form muss zur Brennweite passen. 

Meine Packliste

Ich habe mir in den letzten Monaten 10 Objektive gekauft. Dazu ein Balgengerät und einen 2x Telekonverter. Von den 10 Objektiven waren zwei Kaputt, eins liefert eine grauenhafte Qualität und eins ist nicht dolle und liefert bei Streif- oder Gegenlicht unvorhersehbare Resultate. Aber immer hin habe ich 4 Linsen im Rucksack, die fast alles abdecken, was ich so knipsen will. Diese Linsen wären:

Das Carl Zeiss Jena Tessar 50/2.8. Es ist mein aktuelles Immerdrauf. Ich mag 50 Millimeter eigentlich nicht so, gerade auf meiner APS-C Kamera ist es für mich eine eigenartige Brennweite, aber es ist einfach unfassbar scharf! Es liefert mir Details, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich kaufte es auf dem Flohmarkt für 35€. Da hing noch eine alte Kamera mit dran, für die ich aber kein Verwendung habe.

Das Isco-Göttingen Westron 35/2.8. Ein Weitwinkel, dass ebenfalls sehr scharf und detailreich ist. Gekauft im großen Online-Auktionshaus für 65€. Eine wirklich tolle Linse!

Das Weltblick Auto Tele 135/2.8. Ein hervorragendes Teleobjektiv, dass ich hier schon einmal beschrieben hatte. 

Das Zenitar 16/2.8 Fischauge. Ein russisches Objektiv, dass wirklich interessant ist. Ich kaufte es ebenfalls beim großen Online-Auktionshaus für 120€, dazu kamen noch 20€ für den Versand aus Russland plus etwa 27 € für den Zoll. Das war nicht billig, aber ich hatte etwa 6 Wochen Zeit zum sparen, denn solange dauerte der Versand. Das Objektiv wurde wie alle anderen Objektive auch, für Kleinbild gerechnet. Da ich zur Zeit einen APS-C Sensor nutze kommt der Fischaugen-Effekt gar nicht so richtig zur Geltung. Aber wie schon geschrieben, ist irgendwann ist eine neue Kamera fällig und dann werde ich genau diese Linsen wieder verwenden und vermutlich werde ich mich dann für eine Kamera mit einem Kleinbildsensor (Vollformat) entscheiden.

Ich hatte angefangen diese Objektive in einer eigenen Reihe zu beschreiben. Das ist ein wenig ins Stocken geraten, wird aber ganz sicher noch fortgesetzt!

Diese kleine Liste ist natürlich nicht endgültig. Mir fehlt noch etwas zwischen 50 und 135 Millimetern und oberhalb von 135 wünsche ich mir auch noch ein paar Linsen. Vermutlich werden diese Objektive auch irgendwann einmal durch andere ersetzt, aber zur Zeit bin ich wirklich zufrieden. Da es aber so viele spannende und interessante Objektive gibt, habe ich noch sehr viel auszuprobieren.

Mein Fazit

Für mich ist die Verwendung alter Objektive eine Offenbarung! Ein einheitlicher Standard, gute Qualität, riesen Auswahl und unschlagbare Preise. Aber sie passen auch zu meiner Arbeitsweise. Sie machen eine Menge Spaß und bringen mich in meiner Fotografie wirklich weiter.

Man muss aber einsehen, dass diese Linsen nicht immer wirklich geeignet sind! Es gibt viele Bereiche in der Fotografie, in denen ein Autofokus wirklich Sinn macht und oftmals sogar unerlässlich ist. In der Sportfotografie zum Beispiel würde ich mir lieber eine Kamera und Objektive kaufen, mit denen ich die Sportler treffsicher fokussieren kann! Wenn man es schafft einen Läufer so abzulichten, dass auch wirklich der Fokus auf den Augen liegt, dann hat man auch das richtige Werkzeug. In der Wildlife-Fotografie verhält es sich genauso. Hier kommt es einfach auf Geschwindigkeit kann. Wenn man erst sekundenlang am Objektiv rumfummeln muss, wird das nichts.

Hier muss man also selber entscheiden, ob man mit solchen Linsen arbeiten will. Fakt ist aber, dass man eine Menge dabei lernen kann und das ist doch eigentlich nie verkehrt. Ich bin mit diesem Thema hier auf dem Blog aber noch lange nicht fertig. Es gibt einiges, was ich unbedingt ausprobieren will und es wird noch einige Altglas-Review geben. Denn nach gerade mal sechs Monaten stehe ich immer noch ganz am Anfang.

 

Altglas Review: Die neue Objektivreihe

Altglas Review: Industar 50-2 f3.5

 

 

 

Schulterblick: Unterwegs mit 135 Millimeter Brennweite

 

Altglas-Review: Weltblick 135 f2.8

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